Der 19.08.2026 wird sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Noch sind nicht alle Verdachtsfälle aufgearbeitet. Trotzdem kann man bereits jetzt festhalten, dass bisher noch an keinem anderen Tag so viele Tornados wie am 19.08.2026 registriert wurden. Dieser markiert daher auf Basis der vorliegenden Datenbank, den stärksten Tornadoausbruch in Deutschland seit Aufzeichnungsbeginn. Es bleibt aber auch festzuhalten, dass gerade bei länger zurückliegenden Outbreaks keine solch detaillierte Schadenserfassung und -analyse gemacht werden konnte, sodass durchaus die Möglichkeit besteht, dass kurzlebige Fälle durch die Lappen gegangen sind und nicht dokumentiert wurden.
Es lohnt sich in jedem Fall, einen Blick auf die Hintergründe dieser Schwergewitterlage zu werfen.
Tornado Outbreaks in Deutschland
Unter einem Tornado Outbreak versteht man das gehäufte Auftreten von Tornados durch ein und dieselbe Wetterlage. Für Europa ist definiert, dass mindestens fünf Tornados auftreten müssen, wobei mindestens einer die Stärke IF2 haben sollte (https://doi.org/10.1127/metz/2022/1126).
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über alle Fälle, die diese Kriterien erfüllen und hauptsächlich in Deutschland stattfanden (Quelle: European Severe Weather Database):

Aktuelle Stand der Untersuchungen zum Outbreak am 19.08.2026 (Stand 08.10.,12 Uhr)
Bisher konnten über Deutschland 17 Tornadofälle bestätigt werden, hinzu kommt ein weiterer Fall in Belgien, an der Grenze zu Deutschland. Derzeit sind weitere neun Verdachtsfälle noch in der Untersuchung. Die angegebene Stärke ist vorläufig und bei manchen Fällen noch in der Diskussion. Damit stellt die Lage vom 19.08.2026 einen der größten Tornadoausbrüche in Deutschland der jüngeren Vergangenheit dar. Nimmt man zusätzlich noch die sechs Fälle aus Belgien dazu, so ergibt sich für sommerliche Outbreaks auch aus Europasicht ein einmaliges Ereignis. Es muss aber berücksichtigt werden, dass früher Outbreaks oftmals noch nicht so akribisch aufgearbeitet wurden, wie dieser Fall.
Die folgende Liste und die nachfolgenden Karten geben einen Überblick über die vorhandenen Fälle:

Sollten Ihnen weitere Verdachtsfälle und Schäden vorliegen, die sich in der Liste/Karte nicht wiederfinden, schreiben Sie uns gerne unter tornado@dwd.de.
Großwetterlage
Am 19.08.2026 lag ein umfangreiches Höhentief über Nordeuropa. An seiner Südflanke lässt sich ein recht kräftiger Gradient im Isohypsenfeld ausmachen, sodass auch kräftiger Jet in 300 hPa zu finden ist. Es lassen sich mehrere Troganteile ausmachen. Deutschland befand sich auf der Vorderseite eines flachen Höhentroges mit Schwerpunkt über Frankreich in einer leicht südwestlichen Strömung.


Auf der Trogvorderseite konnte sich ein Randtief verstärken, dass vor allem das bodennahe Windprofil deutlich verbesserte, indem die Winde vor der Passage der sich entwickelnden Kaltfront auf Südost zurückdrehten.

Förderlich war zudem das Übergreifen eine Windmaximum in 700/850 hPa, das bei starken Tornados in der Vergangenheit recht häufig beobachtet werden konnte. So zuletzt auch beim Tornado Outbreak rund um Padeborn (20.05.2022).

Zutaten
Im Bereich quer über die Mitte gab es einen Überlappungsbereich zwischen erhöhten Feuchtwerten (spezF0-500) und Labilität (LR2-4). Die resultierenden CAPE-Werte mit über 1000 J/kg waren zumeist gedeckelt und damit nur abgehoben Konvektion möglich. Weiter nördlich, im Bereich von CAPE -Werten zwischen 500-1000 J/kg war der Deckel hingegen schwächer.

Die Labilitätsenergie konnte mit hohen Scherungswerten überlappen. Diese lagen hochreichend (0-6 km) oft über 30 m/s, aber auch im Bereich zwischen 0-1 km standen Werte zwischen 10 und 20 m/s zur Verfügung. Das neben der Geschwindigkeits- auch Richtungsscherung und ein großer Anteil an sturmrelativer Vorticity zu Verfügung stand, zeigen eindrucksvoll die SRH-Werte, die im Bereich zwischen 0-3 km teils über 300-400 m²/s² lagen. Auch die Werte im für Tornados wichtigen Bereich zwischen 0-1 km waren deutlich erhöht. Gleichzeit lag das Hebungskondensationsniveau um 1 km und darunter. Damit waren ideale Bedingungen für das Auftreten von Tornados gegeben.

Die Prognosesounding und der Hodograph zeigen die Situation exemplarisch für einen Punkt kurz vor Übergreifen der Konvektion. Schön sind die Rechsdrehung und die langen Hodographen insbesondere im Bereich zwischen 0-1 und 0-3 km zu sehen.

Folgerichtig sprang auch die Updraft-Helicity als Modellparameter an. Dabei handelt es sich um einen Kombination auch Aufwind und Helizität (Wirbelhaftigkeit). Es ist damit ein Prognoseparameter für rotierende Gewitter. Beispielhaft sei hier ein Konsistenzfavorit gezeigt, der für sechs verschiedenen ICON-RUC EPS Läufe und für vier ICON-D2 EPS das Maximum aller 20 Member zeigt. ICON-D2 ist das hochaufgelöste Modell des DWD und ICON-RUC das hochfrequente Modell, dass statt alle 3 h (ID2), jede Stunde neu berechnet wird. Dabei werden fortlaufend Beobachtungs- und Fernerkundungsdaten assimiliert. Zudem besitzt es ein besser Mikrophysikschema.
Die Grafik zeigt, dass das Auftreten von rotierenden Gewittern sehr konsistent von den beiden Modellen in etwa der gleichen Region gezeigt wird.

Beobachtungs- und Fernerkundungsdaten | Nowcasting
Die Entwicklung startete am frühen Abend des 19.08..2026 in Belgien. Dort wurde ein erster Tornado gegen 18:30 Uhr Ortszeit erfasst, welcher die Hälfte eines Hause zerstört hat. Weitere Schäden starteten rund um Koblenz. Weiter östlich gab es zum Teil massive Gebäudeschäden im Westerwaldkreis. Den weiteren Weg nahm die Entwicklung über Hessen (Solms, Gießen, Wetzlar über Vogelsbergkreis bis nach Osthessen). Weiter ostwärts schließen sich massive SChäden rund um Ohrdruf an und auch Ilmenau ist ein weiterer Verdachtsfall. Schließlich wurde zur Mitternacht auch Sachsen getroffen, wo es im Süden des Landes zwei Verdachtsfälle gibt.
Den Gesamtablauf des Ereignisses kann man an der Animation des Reflektivitätsbildes verfolgen:

Mit Hilfe des Mesoyzyklonenalgorithmus kann man rotierende Zellen erfassen. Man sieht in der 12h Akkumulation, dass fast überall rotiert hat und auch der Rotationstrack im unteren Bereich zeigt eindrucksvoll die starken Signale.



Bei der VIelzahl an Rotation ist es gar nicht einfach direkte Spuren ausfindig zu machen. Ein weiterer guter Anhaltpunkt für Schwerkonvektion ist die Blitzdichte. Unwetterträchtige Zellen weißen häufig eine besonders starke Blitzfrequenz auf. Videoaufnahmen vom Ereignis selbst, zeigen dies auch. Und auch im Blitzortungsnetwerk stechen die besonders intensiven Zellen deutlich hervor.

Mit Hilfe von Dopplerbildern kann man Windrichtung und -stärke erfassen. Dadurch lassen sich auch rotierende Zellen erkennen (nicht der Tornado selbst!). Das Problem dabei ist, dass die Gewitterzelle selbst eine gewisse Zuggeschwindigkeit hat, die die Rotation überlagert. Das gilt besonders bei schnell ziehenden Ereignissen, wie dies auch am 19.08. der Fall war. Daher zieht man von den vom Radar erfassten Winden den Hintergrund ab und erhält sogenannte Sturmrelative Dopplerwinde. In der folgenden Animation kann man dadurch ein deutliches Rotationcouplet erkennen, dass von Rheinland-Pfalz nach Hessen zog (blau-rot) und der Bereich war, wo auch mehrere Tornados aufgetreten sind.

In der nun noch folgenden Grafik sind die jeweiligen Radarbilder zum Zeitpunkt des Tornados bzw. Tornadoverdachtfalls zu erkennen. Der größte Teil der Fälle fand im Bereich des Mesovortex statt, der sich im Laufe seine Weges über Deutschland hinweg immer wieder neu formieren konnte. Ein paar wenige Ereignisse stehen aber auch im Zusammenhang mit Bruchstellen entlang der linearen Konvektionslinie (Konvergenz). Ein Sonderfall ist Fürstenwalde. Dieser trat abseits des eigentlichen Ereignisgebietes auf und zwar an einer „harmlosen“ Schauerzelle ohne jede Blitzaktivität. Dieser Fall zeigt immerhin, welches Rotationspotential an diesem Tag vorhanden war.

